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„Man kann den Wald nicht retten, indem man ‚O Tannenbaum‘ singt …“

Im Alter von sechsundneunzig Jahren verstarb der 1922 geborene Wissenschaftsjournalist und Mitbegründer des BUND Horst Stern.

 

Den meisten von uns, sofern sie „alt“ genug sind, ist er bekannt durch seine begnadeten Tierfilme. „Sterns Stunden“ haben in vielen von uns einen schmerzhaften Prozess ausgelöst, der uns weg von oft rührselig schönen Bildern glückseliger Bambis zu schmerzlichen Gedanken über das Tier im Versuch, zur Massentierhaltung und zum heute wieder so aktuellen Problem des Rotwildes, des Wildverbisses und der Jagd katapultierte. Deswegen sind sie Sternstunden gewesen, die uns zwangen, Tiere nicht nur schön zu finden und uns an ihnen zu erfreuen, sondern darüber nachzudenken, wie ein Rührei oder ein Schnitzel in Zeiten industrialisierter Massentierhaltung auf den Tisch kommt oder wie grausam es zuweilen ist, Lippenstifte und Antifaltencremes im Tierversuch testen zu müssen, bevor sie unsere Menschenhaut berühren dürfen. Aber er hat auch vor vielen Jahren, gemeinsam mit Grzimek und Sielmann, begonnen Brücken zu schlagen, sie zu konstruieren, zu bauen und begehbar zu machen: Es waren Brücken des Denkens, des Fühlens, des Mitgefühls und der Abscheu, die uns gelehrt haben, Tiere nicht allein mit unseren vermenschlichenden und oft egoistischen Augen zu sehen, sondern er lehrte uns, was das Bibelwort bedeutet: Und machet Euch die Erde Untertan.“ – Schmerzliche Verantwortung! Zu Recht sitzt er an ihrer Seite in der Hall of Fame der Tierfilmschaffenden.

Horst Stern hat viele von uns schon als Jugendliche gelehrt, dass „tierlieb“ sein nicht zwangsläufig auch echtes Tierwohl bedeutet, dass – selbst uns so fremde Tiere wie Spinnen – sehr wohl faszinierende Wesen sein können, die es zu betrachten lohnt. Er stieß uns förmlich mit der empfindlichen Nase darauf, dass man viele ganz selbstverständlich erscheinende Dinge aus dem Blickwinkel der Moral und einer ehrlichen Ethik heraus und primär aus dem Blickwinkel des Tieres relativieren, gar völlig umdenken muss. So trichterte er uns das ein, was schon der Mahatma sagte, dass man am Umgang mit den Lebewesen die Entwicklungsstufe einer Gesellschaft erkenne.

Und er ging weiter, einen Schritt, der nach wie vor in den Kinderschuhen zurückgelassen scheint: Tiere, Lebewesen, empfinden, sie leiden und sie stehen in einem Kontext, der Ökologie, Naturschutz, schiere Biologie beinhaltet, die zum Tierschutz hinzukommen müssen, um ihnen gerecht werden zu können.

Wir durften ihn nie persönlich kennenlernen, aber mit ihm ging ein wahrhaft Großer, den wir zu Recht vermissen werden und um den wir aufrichtig trauern.