Spinnenforscher wegen Tierquälerei verurteilt

tierquaeler-prozess_thumbSieben Jahre ist es nun her, dass Mitarbeiter der Auffangstation für Reptilien, München e.V. in den Landkreis Ebersberg gerufen wurden, um die Behörden bei einer Begehung und eventuell anstehenden Beschlagnahme zu unterstützen. Dass sich daraus ein jahrelanger juristischer Staffellauf ergeben würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Nun ist der Hauptangeklagte Dirk W. wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz in 81 Fällen zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Bereits beim Betreten des Hauses im Juli 2008 machte ein stechender Uringeruch deutlich: Hier leben viele Tiere – insgesamt waren es weit über 500, wie sich später herausstellte. Gemeinsam mit der Polizei sowie Mitarbeitern des Veterinäramtes und der Spezialeinheit „Tierschutz“ nahmen unsere Experten einen Raum nach dem nächsten in Augenschein und dokumentierten dabei akribisch den Tierbestand und die Haltungsbedingungen in Wort und Bild.
Stationsleiter Dr. Markus Baur, der bei dem Gerichtsprozess ebenfalls als Zeuge geladen war, erinnerte sich: „Wir haben jeden einzelnen Behälter und jedes Terrarium vermessen, die Temperatur darin aufgenommen und die Hygiene sowie den gesundheitlichen Zustand des jeweiligen Tieres notiert. Aufgrund der enormen Menge haben wir hierfür zwei Tage gebraucht und auch die Nächte durchgearbeitet. Einige der Tiere waren in einem sehr schlechten Zustand, andere waren offensichtlich schon seit längerer Zeit verstorben.“ So berichtete der Fachtierarzt für Reptilien im weiteren Verlauf seiner Aussage beispielsweise von den Überresten einer Wasserschildkröte: „Um den Leichnam herum zeichneten konzentrische Ringe den Verwesungsprozess des Tieres ab.“
Später wurden Baurs Aussagen von verschiedenen Zeugen bestätigt, so z.B. von einem der Polizisten: „Da saß ein Käuzchen zur Hälfte in seinem eigenen Kot.“

Noch zu Beginn der Verhandlung hatte Dirk W., gegen den bereits seit 2001 ein Tierhalteverbot besteht, in seiner Aussage versucht, alle Anschuldigungen der Tierquälerei zu relativieren. So meinte er beispielsweise, dass der von den Zeugen in einem Terrarium beobachtete „Schimmel“ in Wirklichkeit Unterwolle gewesen sei, die die Tiere zum Nestbau verwendet hätten. In diesem Zusammenhang stellte er auch immer wieder die Sachkunde der Zeugen in Frage. Der Reptilienauffangstation, die ja „chronisch pleite“ sei, unterstellte er außerdem, eine seiner Krustenechsen für 6000 Euro veräußert zu haben. Da sich dieses Tier aber noch heute in unserem Bestand wiederfindet, konnte diese Anschuldigung schnell beseitigt werden. Und auch seine verteidigenden Anwälte konzentrierten ihre Bemühungen insbesondere darauf, die Fachlichkeit der Zeugen immer wieder zu hinterfragen.

Insgesamt hatte der Prozess gegen den vermeintlichen Wissenschaftler, seine Lebensgefährtin sowie einen weiteren Bekannten drei Verhandlungstage in Anspruch genommen. Ursprünglich war die Vorladung weiterer Zeugen vorgesehen, allerdings hatte der Hauptangeklagte zu Beginn des dritten Tages seine Schuld unerwartet eingestanden und somit dem Prozess ein schnelles Ende gesetzt. Zu der Haftstrafe von insgesamt einem Jahr und zehn Monaten kommen weitere 14 Monate, die in einem früheren Prozess gegen Herrn W. auf Bewährung ausgesetzt wurden. Zudem steht schon jetzt ein weiteres Verfahren gegen ihn aus, diesmal in der Schweiz, wo er ebenfalls rund zwei Dutzend Tiere nicht artgemäß gehalten haben soll. In die Schweiz war er für einige Jahre geflüchtet, um seiner Verhaftung in Deutschland zu entgehen, bevor er schließlich an die deutschen Behörden ausgeliefert wurde.

 

 

Lesen Sie hierzu auch die Notizen des Prozessbeobachters der Süddeutschen Zeitung:

Tag 1: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/ebersberg-kaimane-und-schlangen-im-wohngebiet-1.2399415

Tag 2: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/prozess-gegen-spinnenmann-verteidigung-sucht-grundsatzdebatte-1.2412420

Tag 3: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/ebersberg-tierquaeler-muss-ins-gefaengnis-1.2413768

 

 

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung