Vom Weihnachtsgeschenk zur Ramschware

Zu den anstehenden Feiertagen ist das Rätselraten wieder groß: Was soll diesmal unter dem Weihnachtsbaum liegen? In vielen Familien, in denen schon länger der Wunsch nach einem Haustier diskutiert wird, scheint die Antwort auf diese Frage nahezuliegen. Doch vor einer überstürzten Anschaffung insbesondere von Exoten warnt die Auffangstation für Reptilien, München e.V. ausdrücklich. Nicht selten landen solche Geschenke nach nur wenigen Monaten in den Kleinanzeigen, in der Auffangstation oder im schlimmsten Fall auf der Straße.

„Man kann nicht oft und eindringlich genug davor warnen, zu Weihnachten ein Haus- oder Heimtier zu verschenken“, mahnt der Leiter der Auffangstation Dr. Markus Baur, „Die meisten Leute, die bisher noch nichts mit Reptilien zu tun hatten, haben schlicht eine falsche Vorstellung von der Haltung. Gerade dann, wenn die Motivation hinter der Anschaffung ist, dass zum Beispiel ein Familienmitglied eine Hundehaarallergie hat oder die Kinder riesige Dinosaurierfans sind, merken wir immer wieder, dass die Anschaffung eines Reptils nicht ganz durchdacht ist.“
Tatsächlich sei eine der häufigsten Begründungen für eine Abgabe in der Auffangstation die, dass man sich die Haltung doch etwas anders vorgestellt habe, so Baur weiter. Und auch die hohen Nebenkosten durch UV-Lampen, Filteranlagen, etc. würden immer wieder als Abgabegrund genannt.

Beispiel-Screenshot auf ebay-kleinanzeigen.de: “Kornnattern zu verschenken” vom 27.11.2017

Spätestens dann, wenn es darum geht, das Tier schnell wieder loswerden zu wollen, bemerken die Betroffenen ihren Fehler. Da es sich oft um die gleichen, „anfängertauglichen“ Arten handelt und die Nachfrage nach solchen Tieren auf dem Heimtiermarkt weitgehend gesättigt ist, wird die private Weitergabe von Bartagame, Kornnatter und Co. zunehmend schwieriger. In den Kleinanzeigen werden Halter ihr Tier meist nicht einmal mehr los, wenn sie es mitsamt dem dazugehörigen Terrarium verschenken wollen.

Und auch in der Reptilienauffangstation in der Münchner Kaulbachstraße hat sich die Situation in den letzten Monaten immer weiter verschärft. Das Team um Dr. Baur erhält wöchentlich mehrere Dutzend Anfragen von Haltern aus dem gesamten Bundesgebiet zur Aufnahme ihrer Wasserschildkröten, Königspythons oder Boas. Aus Kapazitätsgründen müssen diese Anfragen jedoch fast allesamt abgelehnt werden, denn bis zur Eröffnung des geplanten Neubaus der Reptilienauffangstation wird es noch einige Jahre dauern.
„Viele Leute tragen uns mehr oder weniger intensiv ihre Leidensgeschichte oder Notsituation vor, um uns unter Druck zu setzen, ihr Tier vielleicht doch noch aufzunehmen. Es tut uns auch wirklich immer sehr leid, schließlich sind wir keine Unmenschen und versuchen zu helfen, wo es geht. Fakt ist aber leider, dass unsere Räumlichkeiten buchstäblich aus allen Nähten platzen. So konnten wir zum Beispiel von rund einhundert Boas, die wir aktuell in unserem Bestand haben, in diesem Jahr gerade einmal drei Tiere erfolgreich weitervermitteln. Die Lage für diese relativ leicht nachzuzüchtenden Schlangen ist wirklich prekär.“

All dies gilt es bereits vor der Neuanschaffung eines exotischen, sehr langlebigen Heimtieres zu berücksichtigen. Leider zeigt sich immer wieder, dass solche Gedankenspiele und Vorbereitungen gerade zur Weihnachtszeit, wenn der Kaufrausch am heftigsten zuschlägt, bei vielen Leuten keine Rolle mehr spielen.

Behördenvertreter brauchen sich im Zusammenhang mit den ausgelasteten Kapazitäten in der Station übrigens keine Sorgen zu machen, dass sie nun bei anstehenden Beschlagnahmen möglicherweise handlungsunfähig seien. Für solche Tiere, die aus behördlichen Beschlagnahmen oder als Fundtiere in die Reptilienauffangstation kommen, bewahrt sich die Einrichtung stets eine eiserne Notreserve: „Die Unterbringung von ausgesetzten, entlaufenen und beschlagnahmten Exoten hat bei uns absoluten Vorrang“, erläutert Markus Baur, „Wo sonst sollen sie auch hin? Schließlich ist unsere Einrichtung die einzige ihrer Art in ganz Süddeutschland und wir können die Tiere nicht einfach auf der Straße sitzen lassen. Privatpersonen, die vielleicht einfach nur ‚keine Lust mehr‘ auf ihr Tier haben, müssen wir hierfür um Verständnis bitten.“

Wer einem kleinen oder großen Reptilienfreund trotzdem ein tierisches Geschenk mit „exotischem Flair“ verschenken möchte, kann als verantwortungsbewusste Alternative zum Tier z.B. auch eine Tierpatenschaft für einen der Stationsbewohner oder eine Führung durch die Station verschenken. So kann Weihnachten kommen!