Aktuelle Pressemitteilung vom 23.02.2026
Stuttgarter Behörden holen Dutzende Riesenschlangen aus katastrophaler Haltung – Münchner Auffangstation versorgt die Reptilien
Eine miserable private Haltung von Riesenschlangen hat die Veterinärbehörde des Amts für öffentliche Ordnung gemeinsam mit der unteren Naturschutzbehörde des Amts für Umweltschutz der Stadt Stuttgart diese Woche aufgelöst. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung waren die für den Tier- und Artenschutz zuständigen Stellen am Dienstag, 17. Februar 2026, zu einer unangekündigten Vor-Ort-Kontrolle ausgerückt. Schon vor dem Wohnhaus schlug dem Team Verwesungsgeruch entgegen. In dem Gebäude stieß es auf 47 Riesenschlangen, von denen 13 bereits verendet waren. Die größte der toten Schlangen hatte eine Länge von 1,60 Meter.
Weitere Tiere traf die Veterinärin abgemagert und lethargisch an. Da die Haltungsbedingungen inakzeptabel waren, ordnete sie die Fortnahme zum Schutz der Schlangen an. Wegen des Verdachts auf Straftaten gegen den Tier- und Artenschutz hat die Stadt die Polizei hinzugezogen und bringt den Fall zur Anzeige.
„Nach Zahl und Zustand der Tiere ist dies bei Reptilien der gröbste Verstoß seit Jahren“, sagt Dr. Jana Lohmann, Leiterin der Veterinärbehörde des Stuttgarter Ordnungsamtes. Die Veterinärbehörde muss – anders als bei Hunden und Katzen – Besitzern von Reptilien selten Tiere wegen schlechter Haltung fortnehmen. In den vergangenen drei Jahren gab es in Stuttgart nur einen Fall mit sechs Schlangen sowie elf Schildkröten.
Münchner Auffangstation übernimmt Versorgung
Klassische Tierheime verfügen oft nicht über ausreichend Terrarien und notwendige Technik, um die spezielle Unterbringung einer großen Anzahl von Schlangen zu ermöglichen. Bei einer so hohen Zahl von Tieren, wie in diesem Fall, gibt es wenige Einrichtungen, die über die erforderlichen Kapazitäten verfügen. Daher reisten hierfür eigens Experten der Auffangstation für Reptilien München e.V. an. Sie ist eine der größten Stationen ihrer Art in Europa und nimmt jedes Jahr mehrere tausend Tiere auf, die sie medizinisch versorgt und weitervermittelt. Die Münchner Auffangstation arbeitet seit Jahren eng mit Behörden in ganz Deutschland zusammen. Sie unterstützt bei Begutachtungen problematischer Tierhaltungen und übernimmt Tiere, wenn diese durch Veterinärämter oder die Naturschutzbehörden fortgenommen oder beschlagnahmt werden müssen, wie in diesem Fall. Die Spezialisten holten die überlebenden Riesenschlangen in Stuttgart ab, transportierten sie fachgerecht nach München und unterzogen sie dort einer Eingangsuntersuchung.
Den Tierärzten der Auffangstation, die Leid gewöhnt sind, bot sich ein außergewöhnliches Bild des Schreckens, berichtet der Leiter der Auffangstation, Dr. Markus Baur: „Wir bekommen hin und wieder ein Tier, das schlecht beieinander ist, aber dieser Bestand ist das Schlimmste, was wir seit Jahren gesehen haben“, so der Fachtierarzt für Reptilien. „Diese Haltung zu beenden, war ein Volltreffer für den Tierschutz – absolut angemessen, dass die Stuttgarter Behörden durchgegriffen haben. Das ist ein Lichtblick für die verbleibenden Tiere. Es ist aber noch nicht abzusehen, wie viele überhaupt überleben werden.“ Ein Tier musste bereits eingeschläfert werden, um es von seinem Leid zu erlösen.
Überlebenschancen noch ungewiss
Laut Zwischenbericht sind die übrigen Tiere in teilweise verheerendem Zustand, viele sind ausgemergelt. „Die Schlangen sind pergamentartig ausgetrocknet“, so Dr. Baur. „Sie haben sich auf die von uns bereitgestellten Wasserschalen regelrecht gestürzt und verlassen sie gar nicht mehr.“ Hinzu kommen teilweise Narben, Verletzungen oder Abszesse. Praktisch alle eingelieferten Patienten leiden unter hochgradigem Parasitenbefall, der offenbar schon so lange nicht behandelt worden war, dass die Mehrzahl dieser Schlangen an durch Milben verursachter Blutarmut leidet. Eine Laboruntersuchung muss nun zeigen, ob sich der Verdacht auf eine zusätzliche Viruserkrankung bestätigt. Dann schwinden die Überlebenschancen weiter.
„Zum Glück ist so etwas die absolute Ausnahme“, sagt Dr. Baur aus seiner langen Erfahrung. „Solange es nicht zum Animal Hoarding kommt, kümmern sich die Halter meist gewissenhaft um ihre exotischen Haustiere.“ Schätzungen zufolge werden in Deutschland mehr als eine Million Reptilien daheim gehalten. Riesenschlangen gehören unter Reptilienhaltern zu den beliebten Arten und kommen auch in Stuttgart nicht selten vor. Anders als für deren gewerbsmäßige Zucht benötigt man für die Haltung von Riesenschlangen keine tierschutzrechtliche Genehmigung. Dazu hebt Renate Kübler, Leiterin der unteren Naturschutzbehörde der Landeshauptstadt, hervor: „Die Haltung ist jedoch aufgrund des Washingtoner Artenschutzübereinkommens nur legal, wenn man einen ausreichenden Herkunftsnachweis für das jeweilige Tier besitzt und die Haltung beim Regierungspräsidium meldet."